Umgang mit Heterogenität

Beschreibung

  1. Woher stammen die Begriffe "Managing Diversity" und "Umgang mit Heterogenität"?

    Der Begriff "Managing Diversity" entstammt der US-amerikanischen Anti-Diskriminierungs-Politik und bezeichnete ursprünglich freiwillige Firmeninitiativen zur Abwehr von teuren Klagen wegen Diskriminierung. Heute meint er eine personalwirtschaftliche und organisationale Orientierung des Managements, um die vorhandene personale Vielfalt betriebswirtschaftlich relevant zu nutzen und Vorteile einer elitären und dominanten Gruppe abzubauen.
    Im pädagogischen Kontext prägte die Erziehungswissenschaftlerin Annedore Prengel nach einer Auswertung der Erfahrungen der interkulturellen Pädagogik, der Integration von Menschen mit Behinderung und der Geschlechterpädagogik 1995 den Begriff einer "Pädagogik der Vielfalt". Um genauer zu sagen, worum es dabei geht und nicht auf den in der Wirtschaft gängigen Begriff "Managing Diversity" zurückzugreifen, reden wir in der Abteilung Sozialpädagogik über "Umgang mit Heterogenität".
  2. Wer war am Kooperationsprojekt beteiligt und welchen Umfang hatte es?
    Das Kooperationsprojekt "Difference Troubles" zwischen dem Institut für Pädagogik, dem Ministerium für Justiz, Familie, Frauen und Jugend sowie der Nordelbischen Kirche existierte seit Januar 2001. Das Projekt fand im Mai 2003 mit einer internationalen Tagung in der Akademie Bad Segeberg einen formellen Abschluss; die Arbeitsergebnisse werden jedoch erst jetzt - im Anschluss an die Entwicklungsphase - praxisrelevant umgesetzt. Der Kern der Projektgruppe bestand aus einem verantwortlichen Referenten für gleichgeschlechtliche Lebensweisen des MJFFJ (Christoph Behrens), einer Referentin des Jugendbildungswerks der Nordelbischen Kirche (Heike Schlottau) und dem Professor für Sozialpädagogik Dr. Uwe Sielert. Zu einzelnen Teilprojekten wurden weitere Mitarbeitende aus dem kirchlichen, wissenschaftlichen und politischen Sektor hinzugezogen.
  3. Inhalt und Ergebnisse des Modellprojektes:
    Das Kooperationsprojekt begann mit dem Austausch von Erfahrungen in der Anti-Diskriminierungsarbeit angesichts schwul-lesbischer Lebensweisen in ausgewählten Ostseestaaten und dehnte sich zunehmend auf den Umgang mit Heterogenität im weiteren Sinne aus. Das Projekt hatte den Auftrag, Antidiskriminierungsmaßnahmen angesichts des Umgangs mit Minderheiten zu prüfen und neue Strategien des Umgangs mit Diversity vor allem für den Bildungsbereich zu erarbeiten.
    In drei Wirksamkeitsdialogen tauschten Fachkräfte der Anti-Diskriminierungsarbeit aus Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Estland, Russland und Schweden Erfahrungen im Umgang mit Minderheiten aus und berieten geeignete Antidiskriminierungsprogramme.
    Ein Hauptergebnis der Projektarbeit bestand in der Erkenntnis, dass angesichts der verschiedensten Diskriminierungsthemen ähnliche soziale und psychische Verursachungsbedingungen sichtbar wurden, die mit Fremdheit und Macht zu tun haben. Daraufhin entwickelte die Projektgruppe ein Kompetenztraining "Pädagogik der Vielfalt" für zunächst pädagogische Aus- und Fortbildungsstätten, mit dem Menschen in die Lage versetzt werden, Diskriminierungsverhältnisse zu bearbeiten und Heterogenität produktiv zu machen.
  4. Wie funktioniert das "produktive Umgehen mit Verschiedenheit" genau?
    Konkrete Beispiele:
    • Mentorenschaften zwischen älteren und jüngeren Mitarbeitenden sorgen (nicht nur in der Industrie) für Erfahrungstransfer.
    • Heterogen zusammengesetzte Marketingteams (Männer / Frauen, Mitarbeitende verschiedener Nationalitäten und Altersgruppen) entwickeln kreative Ideen zur Erschließung neuer Zielgruppen.
    • Offen homosexuell lebende Betriebsangehörige identifizieren sich mit ihrem Unternehmen und setzen ihre sozialen Kompetenzen ( z.B. Sensibilität für Diskriminierung und Diplomatie) für die gemeinsamen Ziele ein.
    • Frauen bei der Schutzpolizei sorgen zusammen mit Männern für situationsangepasste, mal "weichere" oder "härtere" Konfliktbewältigungen.
    • Das Team einer Jugendhilfeeinrichtung mit verschiedenen Männer- und Frauentypen spricht viele Jugendkulturen an und setzt vielfältige Signale, Männlichkeit und Weiblichkeit auszubilden.
    • In einem Projektteam mit verschiedenen Arbeitsstilen und Tempramenten können sich Genauigkeit, Kreativität, strategisches und konzeptionelles Denken, Pragmatik und Spiritualität zu einem optimalen Arbeitsergebnis ergänzen.
    • Kinder ohne erkennbare Behinderung lernen im Umgang mit behinderten Kindern Achtsamkeit und Einfühlung, Kinder mit Behinderungen lernen, ihre Besonderheit zu akzeptieren und geichzeitig im Umgang mit anderen zu relativieren.
    • Erkennbar schwule oder lesbische Lehrende im Kollegium fungieren für gleichgeschlechtlich orientierte Jugendliche als Ansprechpartner und Beispiele.Immer gilt jedoch: Vielfalt und Verschiedenheit allein muss noch nicht produktiv wirken. Entscheidend ist die bewusste Gestaltung. Umgang mit Heterogenität ist eine Kulturleistung.
                   
                • Woraus besteht ein Kompetenztraining und wer nimmt teil?
                  Zunächst wurde das Training in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern sowie DiplompädagogInnen durchgeführt und evaluiert. Durchgesetzt hat sich die Praxis, dass jedes Semester eine Gruppe von 20 HauptfachpädagogInnen als Tutorinnen und Tutoren ausgebildet wird, um im darauf folgenden Semester jeweils zu zweit eine Gruppe von weiteren 14 Studierenden (meist Lehramtsstudierende) mit Hilfe der Gruppenarbeitsmethode der Themenzentrierten Interaktion zu leiten. Es werden Texte besprochen, biografische Rückerinnerungen angeleitet und die Gruppendynamik in der Lerngruppe genutzt, um alle Teilthemen emotional, kognitiv und aktional zu bearbeiten. Themen sind soziale Wahrnehmung, Vorurteile, Stereotype, Diskriminierung, Pädagogik der Vielfalt, Anerkennungskultur, Menschen mit und ohne Behinderungen, interkulturelle Pädagogik, Gendertraining und sexuelle Orientierungen. Gelernt werden Sachinhalte, Selbstexploration, Umgang mit Vielfalt in der Lerngruppe Feed-back-Prozesse zur Reflexion des persönlichen Selbstkonzepts. Die durchführenden Tutorinnen und Tutoren bekommen Supervision durch Prof. Dr. Sielert.
                • Ab wann ist das Trainingskonzept für andere Organisationen verfügbar (Dauer / Form /Kosten)?
                  Das Kompetenztraining wurde vom Deutschen Forum für Kriminalitätsprävention für die Prävention von Hasskriminalität in verschiedenen Handlungsfeldern empfohlen. Es wurde auf diversen Tagungen vorgestellt und optimiert. Zur Zeit wird an der Modifikation des Konzepts für die Jugendverbandsarbeit und den Einsatz im Jugendstrafvollzug gearbeitet. Die vorhandenen Konzeptionsmodule werden je nach Bedarf für alle Einrichtungen des Bildungs-, Sozial- und Gesundheitswesens kombiniert und umgearbeitet.
                  Inzwischen existiert ein Netzwerk von kompetenten Trainerinnen und Trainern, die in der Lage sind, auf dem Hintergrund des Basiskonzepts von "Managing Diversity" neben den Kompetenztraining auch Organisationsberatungen und Coachings für verschiedene Bereiche anzubieten. Erfahrungen wurden in Kooperation mit dem Aus-, Fort- und Weiterbildungswerk der Westfälischen Landeskirche gesammelt und für andere Kontexte ausgewertet. Für den Bereich der Wirtschaft gibt es bisher Konzeptideen, die jedoch noch nicht in der Praxis erprobt werden konnten.
                  Zur Anwerbung und Abwicklung der Aufträge haben die ehemaligen Projektverantwortlichen die Agentur "iucunda consulting" (www. iucunda consulting.de) gewonnen. Die Kosten werden je nach Umfang und Intensität des Einsatzes abgerechnet.
                 

                Veröffentlichungen

                • Zwei-Väter- und Zwei-Mütter-Familien. Sorgerecht, Adoption und artifizielle Insemination bei gleichgeschlechtlichen Elternteilen. In: Keil, Siegfried und Haspel, Michael (Hg.): Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften in sozialethischer Perspektive. Neukirchen-Vluyn, 2000. S. 45 - 64.
                • Gleichgeschlechtliche Lebensweisen als Herausforderung an die Familienpädagogik. In:Hahlbohm, Paul M., Hurlin,Till: Querschitt - Gender Studies. Ein interdisziplinärer Blick nicht nur auf Homosexualität. Verlag Ludwig, Kiel 2002. S. 133 - 153
                • Gender Mainstreaming im Kontext einer Sexualpädagogik der Vielfalt. Forum Sexualaufklärung und Familienplanung 4/2001 Hg. v. Bundeszentrale gesundheitlicher Aufklärung, Köln 
                • Homosexualität und Pluralisierung der Lebensformen - Impulse für die pädagogische Praxis. In: Vorbild für Vielfalt?! Homosexualität, Pluralisierung der Lebensformen und ihre Bedeutung für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Kirche. Hg.v. Ministerium für Justiz, Frauen, Jugend und Familie des Landes SH. Kiel 2001. S. 30 - 34
                • Sielert, Uwe: Kompetenztraining "Umgang mit Heterogenität" als Präventionsstrategie (auch) gegen Hasskriminalität. In: Dokumentation des Deutschen Forums für Kriminarprävention. Arbeitsgruppe Hasskriminalität. Tagung Berlin 2003.

                Geschlechterforschung

                Geschlechterforschung

                Beschreibung
                1. Was hat Geschlechterforschung mit Sozialpädagogik zu tun?
                  Die ersten Anstöße zur Geschlechterforschung kamen aus der Frauenforschung und zeigten früh Auswirkungen in verschiedenen Handlungsfeldern als auch in der Theoriebildung der Sozialpädagogik. Seminare über Mädchenbildung, Frauenhäuser, Frauen in der Sozialen Arbeit und sexuellen Missbrauch, wurden in den 80er Jahren auch in Kiel angeboten. Anfang der 90er Jahre wurden diese geschlechtsbewussten Seminare ergänzt durch gelegentliche Angebote zur Jungen- und Männerarbeit. Jungen und Männer gehören zu den häufigsten Klienten der Sozialen Arbeit; Jugend- und Familiengewalt ist zumeist Jungen- und Männergewalt. Die meisten Sozialen Dienste werden jedoch von Jungen und Männern nicht in Anspruch genommen.
                  Im wissenschaftlichen Kontext wird Frauen- und Männerforschung inzwischen unter dem Sammelbegriff der "Geschlechterforschung" bzw. "Genderforschung" betrieben, da deutlich wurde, dass eine interaktionistische Perspektive auf das Geschlechterverhältnis intersubjektivere Forschungsresultate hervorbringt. In der Praxis ist inzwischen von "Gender Mainstreaming" als Strategie die Rede.
                2. Was meint Gender Mainstreaming?
                  Der Begriff stammt aus einer EU-Richtlinie und meint als top-down-Strategie die Forderung, in allen politischen und gesellschaftlichen Institutionen sowie allen zugehörigen Projekten und Konzepten eine geschlechtsbewusste Perspektive mit dem Ziel der Geschlechterdemokratie zu berücksichtigen. Als bottom-up-Strategie wird die organisationspraktische Strategie um sogenannte Gender-Trainings ergänzt, um Schlüsselpersonen für ein geschlechtsbewusstes Wahrnehmen und Handeln zu sensibilisieren. Für die Sozialpädagogik bedeutet Gender Mainstreaming, sowohl in Forschung, Theoriebildung und Ausbildung als auch in den Organisationen der Sozialen Arbeit die Frage zu berücksichtigen, ob mit Hilfe einer geschlechtsbewussten Perspektive bessere theoretische oder praktische Ergebnisse zu erzielen sind.
                3. Zu welchem Schwerpunkt wird zur Zeit in der Abteilung gearbeitet?
                  An fast allen wissenschaftlichen Hochschulen hat sich inzwischen eine mehr oder weniger entwickelte Genderforschung mit je unterschiedlichen Schwerpunkten etabliert. In Kiel ist in diesem Zusammenhang das Zentrum für interdisziplinäre Frauenforschung (ZiF) zu nennen. In der Abteilung Sozialpädagogik steht die geschlechtsbewusste Perspektive auf Jungen und Männer sowohl in sozialisationstheoretischer als auch praktisch-pädagogischer Hinsicht im Zentrum der Forschungs- und Entwicklungsarbeit. Gleichzeitig wird im Zusammenhang des Forschungsschwerpunktes "Umgang mit Heterogenität" die im bisherigen Ansatz der Geschlechterforschung enthaltene Polarität "Mann - Frau" kritisch dekonstruiert. Gearbeitete wird an einer dekonstruktiven Geschlechterpädagogik, mit der die Kategorie "Geschlecht" in einem größeren Zusammenhang einer "Pädagogik der Vielfalt" aufgehoben wird.

                Folgende Dissertationen wurden gutachterlich beurteilt:

                • Swoboda-Riecken, Susanna: Berufliche Sozialisation und Rollenverständnis der Geschlechter in der Gegenwart.Dargestellt am Beispiel von Frauen in der Schutzpolizei. Dissertation. Kiel 2002
                • Lippki, Nicole: Integration und Differenz der Geschlechter. Ihre Entdeckung in didaktischer Absicht zu Beginn des Zeitalters der Aufklärung. Rekonstruktion an Samuel Richardsons Erziehungsroman Pamela. Dissertation Kiel 2002, erschienen bei Peter Lang 2003
                 

                Veröffentlichungen

                • Sielert, Uwe: Daß Jungen nicht zu Tätern werden: Prävention in der Jugendarbeit. In: Sexueller Mißbrauch von Kindern und Jugendlichen. Hrsg. Ulrich Büscher u.a.: Westarp Wissenschaften, Essen 1991.
                • Sielert, Uwe: Die Entdeckung der Männlichkeit als soiales Problem. In: Sturzenhecker, Benedikt (Hrsg.): Leitbild Männlichkeit - Was braucht die Jungenarbeit?!. Münster 1996.
                • Sielert, Uwe: Jungenarbeit heißt nicht einfach, neue Programme zu entwerfen. - Die Vertreibung aus dem Programm traditioneller Männlichkeit. In: BZgA: Männlichkeit! ...mehr oder weniger? Forum Sexualaufklärung 2/3 1996.
                • Sielert, Uwe: Jungenarbeit - Zeitgeistthema oder Perspektive für die Jugendarbeit? IN: Dokumentation der 2. Fachtagung zur geschlechtsbewußten Jungenarbeit, hrsg.: Landeszentrale für Gesundheitsförderung Rheinland-Pfalz, Mainz 1997.
                • Sielert, Uwe: Jugendsexualität und Sexualpädagogik mit Jungen. In: Möller, Kurt (Hrsg.): Nur Macher und Macho? Geschlechtsreflektierte Jungen- und Männerarbeit. Weinheim und München 1997.
                • Sielert, Uwe: Körper, Sex und Seele - Was können Männer für ihre Gesundheit tun? In: MännerGesundheit - Dokumentation der Tagungsreihe an der Universität Hamburg. Hrsg.: Behörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales. Hamburg 1997.
                • Sielert, Uwe: Jungen brauchen männliche Begleiter: Initiativen gegen die vaterlose Gesellschaft. Vortrag an der Evgl. Akademie Bad Segeberg, 1998.
                • Sielert, Uwe: Zielgruppe Jungen. In: Deinelt, Ulrich und Sturzenhecker, Benedikt: Handbuch offene Jugendarbeit. Münster 1998.
                • Sielert, Uwe: Meinungen, Mythen, Modelle: Wider ein vorschnelles Programm zur neuen Männlichkeit. In: Erziehung heute. Heftthema "Vater sein" (Hrsg.): Friedrich
                • Verlag. Seelze 1999.
                • Sielert, Uwe: Halt suchen auf schwankendem Boden: Männliche Sozialisation und Konsequenzen für die geschlechtsbezogene Jugendbildung. In: Scarbath u.a. (Hrsg.): Geschlechter. Zur Kritik und Neubestimmung geschlechtsspezifischer Sozialisationsforschung. Opladen 1999.
                • Sielert, Uwe: Beitrag zur Qualitätsentwicklung der Jungenarbeit. Dokumentation des Fachkongresses "Qualität in der Sozialen Arbeit". Hrsg.: Institut für Soziale Arbeit. Münster 1999.
                • Sielert, Uwe: Erziehung, geschlechtsspezifische. In: Reinhold, Pollak, Heim: Pädagogik-Lexikon. Oldenbourg 1999.
                • Sielert, Uwe: Bipolar, biplural oder völlig egal? Vom Wandel des geschlechtsspezifischen Blicks in Sexualität und Gesellschaft. In: Sielert, Uwe und Karlheinz Valtl: Sexualpädagogik lehren: Materialien für die Aus- und Fortbildung. Ein Handbuch. Weinheim 2000.
                • Sielert, Uwe: Gender Mainstreaming im Kontext einer Sexualpädagogik der Vielfalt. In: Forum Sexualaufklärung und Familienplanung, hrsg. BZgA Heft 4 / 2001.
                • Sielert, Uwe: Praxishandbuch Jugendarbeit. Teil 2: Jungenarbeit. Juventa Weinheim 2003.

                Sexualpädagogik

                Beschreibung

                1. Was hat Sexualpädagogik mit Sozialpädagogik zu tun?
                  Sexualpädagogik als Teildisziplin der Erziehungswissenschaft hat die Erforschung sexueller Sozialisation sowie praktischer Sexualerziehung zum Gegenstand. Traditionell bezieht sie sich auf Kinder und Jugendliche, zunehmend als Sexual-andragogik bzw. -geragogik auch auf Lebensphasen des Erwachsenenalters. Da Sexualpädagogik bisher vornehmlich angesichts gesellschaftlich relevanter Sozialisationskonflikte wahrgenommen und thematisiert wurde (unerwünschte Schwangerschaften, deviantes Sexualverhalten, Aids, sexueller Missbrauch etc.) entwickelten sich erste Forschungsanstrengungen und Konzepte im Kontext einer präventiv verstandenen Sozialpädagogik. Neben der schulischen Sexualaufklärung gehört der umfassendere Sektor der Sexualerziehung und Sexualberatung, Schwangerschafts- und Schwangerschaftskonfliktberatung sowie Familienplanung immer noch zu den Handlungsfeldern der Sozialpädagogik. Möglicherweise entwickelt sich die Sexualpädagogik zukünftig ähnlich wie die Vorschulerziehung zu einer eigenen Disziplin der Erziehungswissenschaft mit eigenständigen Gegenstandsbereichen.
                2. Wie ist Sexualpädagogik gesellschaftlich und wissenschaftlich verankert?
                  Sexualerziehung ist als explizite Aufgabe von Bund und Ländern im Schwangeren- und Familienhilfegesetz sowie als Aufgabe der Schulen in Landesschulgesetzen festgeschrieben. Auf Bundesebene vergibt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Forschungsaufträge, entwickelt Konzepte und Materialien. Pro Familia leistet (neben anderen Wohlfahrtsverbänden) praktische Aufklärungs- und Beratungsarbeit. Als bundesweites Fortbildungsinstitut arbeitet das Institut für Sexualpädagogik Dortmund (ISP) und als Fachgesellschaft die Gesellschaft für Sexualpädagogik (GSP).
                  An wissenschaftlichen Hochschulen wird Sexualpädagogik bisher von einigen wenigen Vertreterinnen und Vertretern der Sozial-, Schul- oder Religionspädagogik, der Psychologie und Sexualmedizin gelehrt. Nur an der Fachhochschule Merseburg sowie der Universität Innsbruck und der Hochschule für Soziale Arbeit Luzern existieren eigene Studiengänge bzw. umfangreichere Studienmodule für Sexualpädagogik und Sexualberatung.
                3. Was leistet die Abteilung Sozialpädagogik in Kiel zur Erforschung und Weiterentwicklung der Sexualpädagogik?
                  1994 - 1997: existierte im Institut für Pädagogik unter Leitung von Prof. Dr. Uwe Sielert ein Bund-Länder-Modellprojekt "Sexualpädagogik in der universitären Ausbildung" mit dem Auftrag, ein Ausbildungscurriculums für Pädagoginnen und Pädagogen zu entwickeln. Das Projekt gab wichtige Impulse für die Ausbreitung und fachliche Fundierung von Sexualpädagogik in Schleswig-Holstein, wesentliche Ergebnisse dieses Projekts wurden im Rahmen des Diploms als Wahlpflichtfachangebot umgesetzt und konnten in spezifische Studiengänge anderer Hochschulen einfließen.
                  In den Jahren 1997 - 1999 evaluierte eine Arbeitsgruppe der Abteilung unter Leitung von Prof. Dr. Uwe Sielert im Auftrag der BZgA das Modellprojekt "Sexualpädagogik in Fachschulen und Berufsfachschulen für Sozialpädagogik"

                Drei Dissertationen entstanden im Kontext der sexualpädagogischen Forschungsarbeit der Abteilung: Burchard, Eva: Identität und Studium der Sexualpädagogik. Dissertation Kiel 1998, erschienen bei Peter Lang. Frankfurt a.M. 1999

                • Tuider, Elisabeth: Sexualerziehung - Sexualupplysning. Der Geschlechterdiskurs im Spannungsfeld von Kultur und Subjektivität. Ein Länervergleich Östereich und Schweden, Kiel 2000.
                • Herrath, Frank: Sexualitätsbezogene Qualifizierung für pädagogische und beraterische Handlungsfelder. Konzeption und Erprobung eines Nachdiplomstudiengangs. Kiel 2003

                 

                Folgende Dissertationen und Habilitationen wurden von Prof. Dr. Sielert gutachterlich beurteilt:
                • Schmidt, Renate-Berenike: Lebensthema Sexualität. Sexuelle Einstellungs- und Handlungsmuster jüngerer Frauen. Habilitation Bremen, erschienen bei Leske+Budrich 2003
                • Timmermanns, Stefan: Mit anderen Augen sehen. Evaluation schwul-lesbischer Aufklärungsprojekte in Schulen. Dissertation Köln 2003


                Veröffentlichungen

                Bücher

                • Sielert, Uwe und Herrath, Frank (Hg): Jugendsexualität zwischen Lust und Gewalt. 28O S., Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1990
                • Sielert Uwe: Sexualerziehung - Konzeption und didaktische Hilfen für die Aus- und Fortbildung . 186 S., Beltz-Verlag, Weinheim 1992
                • Sielert, Uwe und Keil, Siegfried (Hrsg.): Sexualpädagogische Materialien für die Jugendarbeit in Freizeit und Schule. 36O S. Beltz-Weinheim 1993
                • Sielert, Uwe und Valtl, Karlheinz (Hrsg.): Sexualpädagogik lehren: Didaktische Grundlagen und Materialien für die Aus- und Fortbildung. Weinheim 2000
                • Timmermanns, Stefan, Tuider, Elisabeth und Sielert, Uwe: Sexualpädagogik weiter denken. Juventa, Weinheim 2003

                Beiträge in Sammelbänden

                • Besinnung auf Moralität als Verhaltensprinzip: Jugend und Sexualmoral, in: B. Müller und H.Thirsch (Hg.), Gerechtigkeit und Selbstverwirklichung, Lambertus, Freiburg i.Br. 199O
                • Moralität und pluralistische Gesellschaft, in:Sexualität im Wertepluralismus - Perspektiven zur Überwindung der Krise der ethischen Bildung, h.g. v. H.G.Ziebertz,Mainz 1991, 14 S.
                • Jungen und sexuelle Identität - Erste Annäherungen an ein widersprüchliches Thema. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Dokumentation der 1. Europäischen Fachtagung zur Sexualaufklärung. Köln 1995
                • Homosexualität und Sexualpädagogik . In: Dimpker, Susanne (Hrsg.): Sexualethische Konkretionen, Marburg 1995
                • Sielert, Uwe, Bültmann, Gabriele, Munding, Reinhold: Geschlechtsspezifische Sexualpädagogik in der außerschulischen Jugendarbeit im Land NRW. In: Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, 6. Jugendbericht.1995 S. 491 - 553
                • Jungensexualität und Sexualpädagogik mit Jungen. In: Möller, Kurt (Hrsg.): Nur Macher und Macho? Geschelchtsreflektierende Jungen- und Männerarbeit. Juventa-Verlag, Weinheim und München 1997
                • Was hält die Sexualpädagogik von der Sexualwissenschaft? In: Deutsche Gesellschaft für Sexualwissenschaft (Hrsg.): Leipziger Texte zur Sexualität. Heft 9, S.31-47
                • Sexualerziehung - Sexualberatung - Schwangerschaftskonfliktberatung. In: Chassé, Karl August, von Wensierski, Hans-Jürgen: Praxisfelder der Sozialen Arbeit. Juventa-Verlag, Weinheim 2002. S. 341 - 352

                Aufsätze in Zeitschriften

                • Die erotischen Gravitationsverhältnisse im pädagogischen Alltag. In: Der pädagogische Blick. 2/1995, S. 79 - 89.
                • Jungensexualität - Mädchensexualität. In: Pro Jugend, 3/1993, S. 5 - 10

                Handbuchartikel

                • Artikel über "Zärtlichkeit" und "Heterosexualität" im Lexikon der Sexualität, hg. v. S.R.Dunde, Deutscher Studienverlag, Weinheim, 1991
                • Artikel über "Sexualberatung mit Jugendlichen zum Thema AIDS", in: Beratungsführer zu AIDS, hg. v. S.R.Dunde, Hippokrates Verlag, Stuttgart, 1991
                • Sexualpädagogik. Stichwort im Lexikon für Theologie und Kirche. 1997
                • Geschlechtsspezifische Erziehung sowie Sexualerziehung und Sexualpädagogik. Stichworte im Pädagogik-Lexikon hg. v. Reinhold, Pollak und Heim. Oldenbourg-Verlag, München 1999. S. 231 - 235

                Unveröffentlichte Forschungsberichte

                • Sexualpädagogische Aus- und Fortbildung in der Bundesrepublik Deutschland. Expertise zus. mit I.Philipps. I.A. der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Köln 1994
                • Sielert, Uwe, Herrath, Frank: Abschluß- und Evaluationsbericht des BLK-Modellprojekts "Sexualpädagogik in der Hochschulausbildung - Entwicklung und Erprobung eines interdisziplinären Curriculums für wissenschaftliche Hochschulen, Kiel 1998
                • Sielert, Uwe, Osbar, Christian und Specht, Ralf: Abschlußbericht des Modellprojekts "Situationsanalyse zur Sexualpädagogik in den Fachschulen für Sozialpädagogik und Berufsfachschulen in Schleswig-Holstein. Kiel 1996, 86 Seiten.
                • Sielert, Uwe, Grenz, Wilfried und Bischoff, Sandra: Situationsanalyse "Gleichgeschlechtliche Lebensformen in Schleswig-Holstein". Ministerium für Jugend, Familie Frauen des Landes Schleswig-Holstein, Kiel 1998
                • Abschlußbericht Berufsfeldanalyse der Einrichtungen des Landesverbandes PRO FAMILIA Schleswig-Holstein Kiel 1996

                 

                Studienprojekte

                Lehr-Forschungsprojekt: „Evaluation des Weiterbildungsstudiengangs „Schulsozialarbeit“

                Wissenschaftliche Evaluation, Coaching und Fortbildungen im Bereich von Schulsozialarbeit.

                An der Abteilung Sozialpädagogik wird seit 2012 ein Weiterbildungsstudiengang „Schulsozialarbeit“ angeboten, der laufend optimiert wird. In einem Evaluationsprojekt wurde der erste Durchgang der Teilnehmenden eingangs befragt und der gruppendynamische Prozess der einzelnen Weiterbildungsbausteine evaluativ begleitet. Zwischenergebnisse der Evaluation werden an die Veranstalter/innen weitergegeben, um die Konzeption im Sinne einer „rollenden Reform“ zu verbessern.

                Projekt: Schulsozialarbeit im Flensburger Norden

                (Status: abgeschlossen)

                In der Zeit vom 01. März 2008 bis 30.Juni 2012 wurde das Projekt durch wissenschaftliche Evaluation, Coaching und Fortbildungen im Bereich von Schulsozialarbeit begleitet. 
                Das Projekt „Schulsozialarbeit im Flensburger Norden“ wurde durch das Bund-Länder-Programm „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die Soziale Stadt“ gefördert.
                Ein Ergebnis der Studien war die Verstetigung und Ausweitung von Schulsozialarbeiter/innenstellen an allen Schulen Flensburgs.

                 

                Projekt: Kooperative Selbstevaluation der Ganztagsschulen in Schleswig-Holstein

                (Status: abgeschlossen)

                Ergebnis: Arbeitshilfe zur (Selbst-)Evaluation von Ganztagsschulen – „Impulse für Qualität – Der Blick in den Spiegel. Materialien zur Kooperativen Qualitätsentwicklung in Ganztagsschulen. Ein gemeinsames Projekt des Ministeriums für Soziales, Gesundheit, Familien und Jugend und der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ SH. (2008) Zu beziehen bei der Serviceagentur, ansässig im IQSH Kiel-Kronshagen.

                 

                Professionalisierung: "Diplompädagoginnen und Diplompädagogen in der Risikogesellschaft"

                (Status: abgeschlossen)

                Beschreibung

                Das Projekt begann mit der Frage: "welche Auswirkungen hat der gesellschaftliche Wandel in der Spätmoderne für den Diplomstudiengang Erziehungswissenschaft und die Profession der Diplompädagoginnen und Diplompädagogen?" Bemerkenswert an der selbstgestellten Aufgabe und der Arbeitsweise des Projekts ist die Verknüpfung sehr unterschiedlicher, auch an der Hochschule zumeist getrennt angebotener Lehrinhalte und Methoden. So ist es gelungen, die konventionelle Form eines Theorie- und Grundlagenseminars um Elemente des Projektmanagements und Aspekte fachjournalistischer Arbeit bis hin zur konkreten Erstellung einer Broschüre zu erweitern. In einer für die berufliche Realität nicht untypischen Zweigleisigkeit von theoretischer Aneignung und praktischer Umsetzung spielten arbeitsteilige, eigenverantwortliche und kollektive Arbeitsprozesse eine gleichermaßen wichtige Rolle.
                Der die Broschüre einleitende Essey "Was müssen Menschen heute alles lernen und wie kann Pädagogik ihnen zur Seite stehen?" (S.6) steckt den Rahmen unserer Diskussion ab, indem er die kategorialen Zugänge benennt und zugleich Fragen aufwirft, an die die folgenden Artikel anknüpfen:

                • Was das Studium leistet und wie es für die Entwicklung der persönlichen und beruflichen Identität genutzt werden kann (S.9)
                • Warum ist ein wissenschaftliches Studium so wichtig für die außerschulische Pädagogik? (S. 14)
                • Aktive Professionalisierung: Wie sich Studium und Beruf im Laufe der 30-jährigen Professionalisierungsgeschichte entwickelt haben (S. 17)
                • Diplom-Pädagoge/Diplom-Pädagogin - Ein Zukunftsberuf der Risikogesellschaft (S. 21)
                • Was in Kiel alles angeboten wird (S. 24)

                Veröffentlichung

                • Erziehungswissenschaftliche Projektgruppe: Der erziehungswissenschaftliche Diplomstudiengang in der Risikogesellschaft. Eine Informationsbroschüre. Kiel 2001; Die Broschüre ist erhältlich im Sekretariat der Abteilung Sozialpädagogik.

                 

                Lebensweisen und Diversity-Lernen

                (Status: abgeschlossen)

                Beschreibung

                Die Genese der Forschungsfrage(n) geschah im lebendigen Dialog der Studiengruppe und begann mit der zum Teil theoretisch, zum Teil auch persönlich motivierten Frage nach den jeweiligen Vor- und Nachteilen bestimmter Lebensformen und gelangte schließlich zu dem komplexen Konstrukt der Einbettung und Entwicklung von Lebensformen im biografischen Kontext eines mehr oder weniger ausgeprägten Umgangs mit Vielfalt und Verschiedenheit, des von uns sogenannten Diversity-Lernens.

                Die Vorstellung eines statisch bilanzierenden Abwägens verschiedener Lebensformen mit ihren Vor- und Nachteilen für postmoderne Lebensweisen wurde durch intergenerative Selbstexploration der Studiengruppe und die ersten Gespräche mit Bekannten über ihre Lebensformbiografie relativ schnell aufgegeben zugunsten eines prozesshaften und kontextbezogenen Blicks auf die jeweiligen Entwicklungsstadien eines je individuellen Lebenslaufs.

                Das systematische Bearbeiten der ersten narrativen Interviews führte in der Forschungsgruppe zu einer Denkbewegung, die gekennzeichnet werden kann als ein Hin-und-Herpendeln zwischen Interpretationsmustern, die aus sozialwissenschaftlichen Bezugstheorien generiert wurden und dem möglichst voraussetzungslosen Verstehen einer jeweils einmaligen Identitätserzählung aus sich selbst heraus. Jedes theoretische Konstrukt drohte das ganz individuelle Sinnverstehen einer inteviewten Person zu kolonisieren, andererseits drängten sich den Interpretierenden auch angesichts der ganz einmaligen und vieldeutigen Lebensläufe vielfältige Deutungen auf und vor allem der Wunsch, Vergleiche anzustellen. Und das nicht nur zwischen den inteviewten Personen selbst, sondern auch zwischen sich selbst als subjektiv betroffener Forscherpersönlichkeit und den zu interpretierenden erzählten Lebensläufen.

                Vielfältige Fragen und Hypothesen entstanden während der schrittweisen Besprechung der transkribierten Interviews und drängten nach möglichst einsichtigen Erklärungen:

                • Wie tief sitzen die Beziehungsmuster der Eltern im Beziehungshabitus der Kinder?
                • Gibt es überhaupt einen solchen relativ konsistenten Lebensweisenverlauf, mit dem ein Beziehungshabitus identifiziert werden könnte?
                • Wie abhängig ist die jeweilige Wahl der Lebensform von dem Druck der familiären oder kulturellen Umgebung?
                • In welchem Verhältnis steht der Wechsel von und die Wahl sogenannter nichtkonventioneller Lebensformen zum Selbstkonzept und Selbstwertgefühl einer Person
                • Welche Rolle spielt die Sexualität bei der Aufrechterhaltung oder dem Wechsel der Lebensform? Was passiert in den Übergängen genau und wie werden Krisen bewältigt?
                • Ändert sich bzw stablisiert sich die Lebensform, wenn Kinder ins Spiel kommen und welche geschlechtsspezifischen Unterschiede sind zu beobachten?
                • Welche Rolle spielen die materiellen Bedingungen, insgesamt die äußeren Rahmenbedingungen bei der Entscheidung für eine bestimmte Form des Zusammenlebens?

                Insgesamt: Wie hängen Lebensform, Lebensweise und sozio-ökonomische Umweltbedingungen zusammen?

                Und hinter allem stand die pädagogisch relevante Frage, wie Menschen bei der Gestaltung ihrer Biografie einschließlich ihrer Lebensform begleitet werden können. Sind Vorbereitung und Begleitung überhaupt möglich und nötig?