Umgang mit Heterogenität

Beschreibung

  1. Woher stammen die Begriffe "Managing Diversity" und "Umgang mit Heterogenität"?

    Der Begriff "Managing Diversity" entstammt der US-amerikanischen Anti-Diskriminierungs-Politik und bezeichnete ursprünglich freiwillige Firmeninitiativen zur Abwehr von teuren Klagen wegen Diskriminierung. Heute meint er eine personalwirtschaftliche und organisationale Orientierung des Managements, um die vorhandene personale Vielfalt betriebswirtschaftlich relevant zu nutzen und Vorteile einer elitären und dominanten Gruppe abzubauen.
    Im pädagogischen Kontext prägte die Erziehungswissenschaftlerin Annedore Prengel nach einer Auswertung der Erfahrungen der interkulturellen Pädagogik, der Integration von Menschen mit Behinderung und der Geschlechterpädagogik 1995 den Begriff einer "Pädagogik der Vielfalt". Um genauer zu sagen, worum es dabei geht und nicht auf den in der Wirtschaft gängigen Begriff "Managing Diversity" zurückzugreifen, reden wir in der Abteilung Sozialpädagogik über "Umgang mit Heterogenität".
  2. Wer war am Kooperationsprojekt beteiligt und welchen Umfang hatte es?
    Das Kooperationsprojekt "Difference Troubles" zwischen dem Institut für Pädagogik, dem Ministerium für Justiz, Familie, Frauen und Jugend sowie der Nordelbischen Kirche existierte seit Januar 2001. Das Projekt fand im Mai 2003 mit einer internationalen Tagung in der Akademie Bad Segeberg einen formellen Abschluss; die Arbeitsergebnisse werden jedoch erst jetzt - im Anschluss an die Entwicklungsphase - praxisrelevant umgesetzt. Der Kern der Projektgruppe bestand aus einem verantwortlichen Referenten für gleichgeschlechtliche Lebensweisen des MJFFJ (Christoph Behrens), einer Referentin des Jugendbildungswerks der Nordelbischen Kirche (Heike Schlottau) und dem Professor für Sozialpädagogik Dr. Uwe Sielert. Zu einzelnen Teilprojekten wurden weitere Mitarbeitende aus dem kirchlichen, wissenschaftlichen und politischen Sektor hinzugezogen.
  3. Inhalt und Ergebnisse des Modellprojektes:
    Das Kooperationsprojekt begann mit dem Austausch von Erfahrungen in der Anti-Diskriminierungsarbeit angesichts schwul-lesbischer Lebensweisen in ausgewählten Ostseestaaten und dehnte sich zunehmend auf den Umgang mit Heterogenität im weiteren Sinne aus. Das Projekt hatte den Auftrag, Antidiskriminierungsmaßnahmen angesichts des Umgangs mit Minderheiten zu prüfen und neue Strategien des Umgangs mit Diversity vor allem für den Bildungsbereich zu erarbeiten.
    In drei Wirksamkeitsdialogen tauschten Fachkräfte der Anti-Diskriminierungsarbeit aus Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Estland, Russland und Schweden Erfahrungen im Umgang mit Minderheiten aus und berieten geeignete Antidiskriminierungsprogramme.
    Ein Hauptergebnis der Projektarbeit bestand in der Erkenntnis, dass angesichts der verschiedensten Diskriminierungsthemen ähnliche soziale und psychische Verursachungsbedingungen sichtbar wurden, die mit Fremdheit und Macht zu tun haben. Daraufhin entwickelte die Projektgruppe ein Kompetenztraining "Pädagogik der Vielfalt" für zunächst pädagogische Aus- und Fortbildungsstätten, mit dem Menschen in die Lage versetzt werden, Diskriminierungsverhältnisse zu bearbeiten und Heterogenität produktiv zu machen.
  4. Wie funktioniert das "produktive Umgehen mit Verschiedenheit" genau?
    Konkrete Beispiele:
    • Mentorenschaften zwischen älteren und jüngeren Mitarbeitenden sorgen (nicht nur in der Industrie) für Erfahrungstransfer.
    • Heterogen zusammengesetzte Marketingteams (Männer / Frauen, Mitarbeitende verschiedener Nationalitäten und Altersgruppen) entwickeln kreative Ideen zur Erschließung neuer Zielgruppen.
    • Offen homosexuell lebende Betriebsangehörige identifizieren sich mit ihrem Unternehmen und setzen ihre sozialen Kompetenzen ( z.B. Sensibilität für Diskriminierung und Diplomatie) für die gemeinsamen Ziele ein.
    • Frauen bei der Schutzpolizei sorgen zusammen mit Männern für situationsangepasste, mal "weichere" oder "härtere" Konfliktbewältigungen.
    • Das Team einer Jugendhilfeeinrichtung mit verschiedenen Männer- und Frauentypen spricht viele Jugendkulturen an und setzt vielfältige Signale, Männlichkeit und Weiblichkeit auszubilden.
    • In einem Projektteam mit verschiedenen Arbeitsstilen und Tempramenten können sich Genauigkeit, Kreativität, strategisches und konzeptionelles Denken, Pragmatik und Spiritualität zu einem optimalen Arbeitsergebnis ergänzen.
    • Kinder ohne erkennbare Behinderung lernen im Umgang mit behinderten Kindern Achtsamkeit und Einfühlung, Kinder mit Behinderungen lernen, ihre Besonderheit zu akzeptieren und geichzeitig im Umgang mit anderen zu relativieren.
    • Erkennbar schwule oder lesbische Lehrende im Kollegium fungieren für gleichgeschlechtlich orientierte Jugendliche als Ansprechpartner und Beispiele.Immer gilt jedoch: Vielfalt und Verschiedenheit allein muss noch nicht produktiv wirken. Entscheidend ist die bewusste Gestaltung. Umgang mit Heterogenität ist eine Kulturleistung.
                   
                • Woraus besteht ein Kompetenztraining und wer nimmt teil?
                  Zunächst wurde das Training in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern sowie DiplompädagogInnen durchgeführt und evaluiert. Durchgesetzt hat sich die Praxis, dass jedes Semester eine Gruppe von 20 HauptfachpädagogInnen als Tutorinnen und Tutoren ausgebildet wird, um im darauf folgenden Semester jeweils zu zweit eine Gruppe von weiteren 14 Studierenden (meist Lehramtsstudierende) mit Hilfe der Gruppenarbeitsmethode der Themenzentrierten Interaktion zu leiten. Es werden Texte besprochen, biografische Rückerinnerungen angeleitet und die Gruppendynamik in der Lerngruppe genutzt, um alle Teilthemen emotional, kognitiv und aktional zu bearbeiten. Themen sind soziale Wahrnehmung, Vorurteile, Stereotype, Diskriminierung, Pädagogik der Vielfalt, Anerkennungskultur, Menschen mit und ohne Behinderungen, interkulturelle Pädagogik, Gendertraining und sexuelle Orientierungen. Gelernt werden Sachinhalte, Selbstexploration, Umgang mit Vielfalt in der Lerngruppe Feed-back-Prozesse zur Reflexion des persönlichen Selbstkonzepts. Die durchführenden Tutorinnen und Tutoren bekommen Supervision durch Prof. Dr. Sielert.
                • Ab wann ist das Trainingskonzept für andere Organisationen verfügbar (Dauer / Form /Kosten)?
                  Das Kompetenztraining wurde vom Deutschen Forum für Kriminalitätsprävention für die Prävention von Hasskriminalität in verschiedenen Handlungsfeldern empfohlen. Es wurde auf diversen Tagungen vorgestellt und optimiert. Zur Zeit wird an der Modifikation des Konzepts für die Jugendverbandsarbeit und den Einsatz im Jugendstrafvollzug gearbeitet. Die vorhandenen Konzeptionsmodule werden je nach Bedarf für alle Einrichtungen des Bildungs-, Sozial- und Gesundheitswesens kombiniert und umgearbeitet.
                  Inzwischen existiert ein Netzwerk von kompetenten Trainerinnen und Trainern, die in der Lage sind, auf dem Hintergrund des Basiskonzepts von "Managing Diversity" neben den Kompetenztraining auch Organisationsberatungen und Coachings für verschiedene Bereiche anzubieten. Erfahrungen wurden in Kooperation mit dem Aus-, Fort- und Weiterbildungswerk der Westfälischen Landeskirche gesammelt und für andere Kontexte ausgewertet. Für den Bereich der Wirtschaft gibt es bisher Konzeptideen, die jedoch noch nicht in der Praxis erprobt werden konnten.
                  Zur Anwerbung und Abwicklung der Aufträge haben die ehemaligen Projektverantwortlichen die Agentur "iucunda consulting" (www. iucunda consulting.de) gewonnen. Die Kosten werden je nach Umfang und Intensität des Einsatzes abgerechnet.
                 

                Veröffentlichungen

                • Zwei-Väter- und Zwei-Mütter-Familien. Sorgerecht, Adoption und artifizielle Insemination bei gleichgeschlechtlichen Elternteilen. In: Keil, Siegfried und Haspel, Michael (Hg.): Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften in sozialethischer Perspektive. Neukirchen-Vluyn, 2000. S. 45 - 64.
                • Gleichgeschlechtliche Lebensweisen als Herausforderung an die Familienpädagogik. In:Hahlbohm, Paul M., Hurlin,Till: Querschitt - Gender Studies. Ein interdisziplinärer Blick nicht nur auf Homosexualität. Verlag Ludwig, Kiel 2002. S. 133 - 153
                • Gender Mainstreaming im Kontext einer Sexualpädagogik der Vielfalt. Forum Sexualaufklärung und Familienplanung 4/2001 Hg. v. Bundeszentrale gesundheitlicher Aufklärung, Köln 
                • Homosexualität und Pluralisierung der Lebensformen - Impulse für die pädagogische Praxis. In: Vorbild für Vielfalt?! Homosexualität, Pluralisierung der Lebensformen und ihre Bedeutung für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Kirche. Hg.v. Ministerium für Justiz, Frauen, Jugend und Familie des Landes SH. Kiel 2001. S. 30 - 34
                • Sielert, Uwe: Kompetenztraining "Umgang mit Heterogenität" als Präventionsstrategie (auch) gegen Hasskriminalität. In: Dokumentation des Deutschen Forums für Kriminarprävention. Arbeitsgruppe Hasskriminalität. Tagung Berlin 2003.